David Schwackenberg

David Schwackenberg

David Schwackenberg, geb. 1980. Bestritt seinen Lebensunterhalt zeitweise mit Musik (Violine, Piano, Gitarre). Später als Journalist, Drehbuchautor und Texter für Tageszeitungen, Magazine und TV-Stationen. Lebt in Andalusien. Bisherige Veröffentlichungen: T4 über die “Aktion T4”, die Generalprobe für den Holocaust.

Johnny´s Bierbar oder: Sechs Leben hat der Hund

(MS, ca. 320 S., Fertigstellung Jan/Feb 2021)

„Die Sache mit den Zigaretten jedoch war gelogen.“

Und auch ansonsten kann eine des Lebens schon mal überdrüssig werden, in Johnny´s Bierbar in Dümpeln, unter dem Gedudel deutscher Schlager und deutscher Geschichte und als Tochter eines der erfolgreichsten Schlagersänger der Nachkriegszeit.

Synopsis

In Johnny´s Bierbar geht es um alles und das zu allem Überfluss auch noch bei deutscher Schlagermusik: Liebe und Schmerz, Schweine-Elli’s Swingerclub „Saustall“ und Saunabetreiber Kämmerlings Mitgliedschaft in der Alternative für Dümpeln, um die Leiden des Supermarktinhabers MüMa-Müller vom Kirchplatz und einen Autor, mit der merkwürdigen Sucht nach Röntgen-Aufnahmen seines eigenen Körpers, um die pädophile Beziehung einer Lehrerin, eine Vergewaltigung hinterm Schützenzelt und den Tod eines Asylbewerbers. Aber auch und vor allem geht es darum, was es heißt, Tochter einer alkoholkranken Mutter und eines der erfolgreichsten Schlagersänger der Nachkriegszeit zu sein. Und um die Frage nach den Zigaretten natürlich.

Auszug

RASPE

Drohst Du wieder mit Selbstmord?
Schreibst Du wieder einen letzten Text?
Ja?

Dein Vater war krank, Johanna.
Krank.

Und Du bist es auch.

- – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – -

Ensslin ist eines unnatürlichen Todes gestorben, an dessen genauere Umstände ich keine Erinnerungen habe, denn als Ensslin stirbt, bin ich vier Jahre alt. Baader, der auf Ensslin folgt, wird mit dreizehn eingeschläfert, die Lunge voll Wasser, die letzten Tage mit in Leberwurstpastete versteckten Schmerzmitteln. In der Nacht nach der tödlichen Spritze isst meine Mutter den letzten Quark, der noch, für Baader bestimmt, im Kühlschrank steht, denn Quark mit Hühnerherzen hatte Baader doch immer so gern gegessen; dann ist sie in der Finsternis verschwunden, und als ich am nächsten Morgen aufwache und in den Garten schaue, sehe ich die frisch umgegrabene Erde und darauf die leere Quarkschüssel für Baader.

Mein Vater heißt Garnicht, und Garnicht kommt 1952 zur Welt. Man einigt sich im Nachhinein auf den 10. Mai als Geburtstag, einen Samstag, und man gibt ihm den Namen Ronald; wohl auch, weil Garnicht nicht klingt. Man findet ihn früh morgens in einer halb verrotteten Holzkiste, eingewickelt in ein Stück Baumwolltuch bloß, ganz in der Nähe des Bahnhofs; seine Lippen seien blau gewesen, sagt man sich, aber er habe geschrien, kräftig und klar. Der Junge wollte leben, hatte es stets geheißen. Der Junge wollte leben.

‚Sie haben uns gut gehalten, verstehen Sie? Als Menschen, gut gehalten, verstehen Sie?‘, sagt ein paar Jahrzehnte später ein anderer Mann, und dieser andere Mann heißt Jürgen. Ob Jürgen leben wollte, leben wie Ronald, und ob auch er blaue Lippen hatte nach der Geburt, lässt sich heute nicht mehr klären, denn Jürgen, dem sie posthum den Film Nachruf auf eine Bestie widmen, dieser Jürgen, der ist seit vielen Jahren tot.

Nun wäre die Geschichte meines Vaters ebenso wenig von Belang wie die Geschichte von Ensslin, Baader oder eben jenes Jürgens, wären all diese wie viele weitere Geschichten nicht so eng in der Frage miteinander verbunden, an welchem Punkt genau der Schmerz zu groß, zu bestimmend, zu allmächtig wird, als dass es fortan noch möglich oder auch nur denkbar wäre, ihn nicht in Sehnsucht, Suff und Schmerzmitteln zu ertränken.

- – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – - – -

Gibrans Mund brennt. Immer. Doch als Gibran nach seiner Verlegung ins Auffanglager Dümpeln zum ersten Mal nach vielen Wochen mit seiner Schwester telefoniert, die nicht nach Dümpeln verlegt wurde, sondern ins Badische, wie es hieß, da antwortet er auf ihre Frage, an was er denke, wenn er an Deutschland denke, an Deutschland und an Dümpeln, nicht etwa Wolken und Regen, was durchaus nachvollziehbar wäre für einen, der aus einem Land kommt, in dem es Wolken und Regen kaum gibt, und auch nicht Integrationsbereitschaft oder Abstandseinhaltungserfassungsvorrichtung, wie man es durchaus von einem erwarten könnte, der aus einem Land kommt, in dem es kaum Wolken gibt und auch kaum Regen, nein, Gibran sagt: Geduld. Geduld und Mundwasser mit antibakterieller Wirkung.

Rights available

World Rights

  • Synopsis
  • Excerpt
  • Rights Available